100 Meilen auf freien Füßen!
Komplett barfuß auf dem geschichtsträchtigen Grenzweg einmal um das ehemalige West-Berlin – das gab es noch nie in der 14-jährigen Geschichte des Berliner Mauerweglaufes!

Als erste vollständig barfüßige Staffel haben zehn unerschrockene Laufbegeisterte aus sechs verschiedenen Bundesländern am vergangenen Samstag den 162km langen Mauerweglauf absolviert. Die einzelnen Laufabschnitte waren dabei zwischen 6km und 35km lang.
Bei Temperaturen bis 36°C waren wir zwar tagsüber etwas langsamer als geplant, aber immer noch innerhalb des vorberechneten Toleranzbereiches. Mit einem 37. Platz von 72 gewerteten 5plus-Staffeln und Rang 59 in der Gesamtwertung können wir sehr stolz sein auf unsere Leistung!
Der Plan
Die Idee kam mir eigentlich schon nach meiner ersten Teilnahme beim Mauerweglauf 2022, wo ich als einziger Barfußläufer in der 10plus-Staffel lief: warum nicht mal eine Staffel ganz mit Barfüßigen zusammenstellen und Berlin komplett auf blanken Sohlen umrunden?

Ich dachte damals, es sei zu schwer, zehn Leute zusammen zu bekommen, die barfuß laufen und auch noch extra anreisen müssen. Deswegen liebäugelte ich erst mit einer 4er-Staffel. Die wäre einfacher zu organisieren, weil man weniger Leute braucht – die dann allerdings Strecken zwischen 32 und 60 Kilometern absolvieren müssen. Barfüßige Marathonläufer kenne ich mehrere, aber mir selbst habe ich so eine Streckenlänge noch nicht so richtig zugetraut. Deswegen schob ich die Idee immer vor mir her.
Für den Mauerweglauf 2026 wurde die Regelung geändert: statt der bisherigen 10plus-Staffeln mit mindestens zehn Teilnehmern (max. 26) wurden die 5plus-Staffeln eingeführt. Mindestens fünf ist kein Problem, dachte ich mir. Nach meiner Vorstellung würden sieben oder acht ausreichen, um die Strecke abzudecken. Damit begab ich mich aktiv auf die Suche nach Mitstreiter:innen und konnte tatsächlich eine Reihe Leute dafür begeistern.
Im Laufe der Planung gab es noch ein paar kleine Änderungen, weil zwei Läufer doch wieder abgesprungen sind. Dafür Ersatz zu finden, war nicht ganz einfach, da Berlin für einige zu weit weg war oder es zeitlich ungünstig lag. Der Lauf ist ja immer um den 13. August herum (Beginn des Mauerbaus 1961) und das liegt häufig mitten in den Sommerferien, so auch dieses Jahr.

Aber am Ende hatten wir doch tatsächlich zehn Laufwillige dabei, wer hätte das gedacht?! Leider nur eine einzige Frau, was ich sehr schade finde, aber ich war schon froh, dass wir überhaupt eine Staffel zusammen bekommen haben!
Hinzu kam noch meine eigene Verletzungsgeschichte, so dass ich nicht wie geplant 20-30km laufen konnte, sondern nur eine kurze Strecke. Ich befürchtete zwischendurch sogar, gar nicht mitlaufen oder nur eine kurze Etappe spazieren gehen zu können. Zum Glück trat aber eine gravierende Besserung im Urlaub vor dem Lauf ein (regelmäßige Bewegung war besser als Schonung!), so dass ich doch immerhin zwei Abschnitte mit einer Gesamtlänge von 9km laufen konnte.
Kennenlernen
Am Freitag vor dem Lauf trafen wir uns im Biergarten neben dem Hotel, wo die Startnummernausgabe und das Briefing für die Einzelläufer und Team-Kapitäne stattfand. Da haben wir uns zum ersten Mal live gesehen, vorher kannten wir uns größtenteils nur über das Internet oder sogar noch gar nicht.

Ich hatte anlässlich der „ersten 100-Meilen-Barfuß-Staffel“ ein T-Shirt entworfen und gleich an alle ausgeteilt, damit wir im einheitlichen Look zur Pasta-Party gehen konnten, um uns reichlich mit Nudeln vollzustopfen.
Hitzefrei?

Nein, es gab natürlich kein hitzefrei, auch wenn die Temperaturen tagsüber auf 36°C kletterten und das Laufen massiv erschwerten. Morgens zum Start war es noch verhältnismäßig kühl und ich konnte den Sieger und Vorjahressieger Pascal Rüeger ca. bei Kilometer 26 abpassen.
Ich begleitete ihn das kurze Stück bis zum Verpflegungspunkt (VP) Frohnau und war froh, diesmal mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, denn er war mit einem Tempo von unter 4min/km unterwegs, das hätte ich laufend keine 100m mitgehalten…
Er konnte das hohe Tempo gut 90km halten, bis er aufgrund der Hitze langsamer werden musste und so im Gesamtschnitt „nur“ auf eine Pace von 5:10 gekommen ist (letztes Jahr 4:40). Der Mann ist wirklich irre! 😂
Mein Lauf
Ich startete kurz vor 10 Uhr am VP3 Oranienburger Chaussee, nachdem die beiden vorigen Laufkollegen schon mal gute Arbeit geleistet hatten und ein paar Minuten schneller waren als geplant.
Ich lief sehr vorsichtig los, da ich nicht sicher war, wie mein Fuß mitmacht. Ich bin ja erst seit zwei Wochen wieder so „richtig“ gelaufen und das meist mit Pausen. Aber fußtechnisch kam schnell ein gutes Vertrauen bei mir auf, so dass ich locker durchlaufen konnte.
Am nächsten VP habe ich mir ein Stück Gurke geschnappt und ansonsten wieder mindestens jeden Kilometer einen kleinen Schluck Wasser aus dem Trinkrucksack genommen, gegen Ende öfter. Das hatte sich die letzten Jahre schon bewährt.
Ab Kilometer sechs schlug dann aber doch die Hitze und meine fehlende Kondition zu, so dass es am Ende gerade noch so für einen Schnitt unter 6-Minuten gereicht hat. In Anbetracht der Vorgeschichte kann ich damit natürlich mehr als zufrieden sein!

Rundtour um Berlin
Mein nachfolgender Läufer Nr. 4 hatte mit 34,7km die längste Strecke in unserer Truppe, d.h. ich hatte genügend Zeit zum Duschen und für ein zweites Frühstück, bevor es dann mit dem Auto weiter ging.
Läufer Nr. 5 hatte bei mir übernachtet und ich hatte versprochen, ihn zu seinem Startpunkt zu fahren. Danach war ich auch bei allen Wechseln dabei und habe an dem Tag knapp 160km mit dem Auto abgerissen… Au weia! Aber so konnte ich immerhin auch mal ein paar andere Streckenabschnitte und VPs begutachten und Fotos von allen Wechseln machen.

Die brutale Hitze hat dazu geführt, dass die drei Läufer nach mir jeweils gegen Ende Tempo rausnehmen mussten. Hinzu kam wohl auch noch, dass es auf manchen dieser Abschnitte üble Schotterwege gab, wo man barfuß nicht so schnell laufen konnte. Das wusste ich vorher nicht. Im Gegenteil hatte ich vermutet, dass es gerade in den Waldgebieten um Schloss Sacrow herum wunderschöne Naturwege gibt. War aber leider nicht so!
Beim nächsten Mal würde ich vielleicht auch die mit den längsten Strecken nicht ausgerechnet mittags laufen lassen. Da kann man sicher noch was an der Streckenplanung drehen. Gerlernt und abgehakt!
Als mit Nr. 7 unsere einzige Dame an der Reihe war, wurde es schon dämmerig. Sie trug als erste von uns die Nachtausrüstung und kam an ihrem Zielpunkt im Dunkeln an. Und schneller als gedacht! Es war jetzt nicht mehr so heiß, so dass auch bei den Nachfolgenden die Durchschnittszeiten wieder ins Positive gingen.

Der letzte Abschnitt durch die Stadt war noch etwas herausfordernd. Unser Schlussläufer berichtete, dass Treptow und Kreuzberg kein Problem waren, aber in Mitte fand am selben Tag eine Rave Party statt und kurz vor dem Brandenburger Tor musste er wohl hochkonzentriert im Slalom um die zerbrochenen Glasflaschen herum laufen. Das ist nicht schön, aber er hat’s überlebt.
Überhaupt haben wir es ohne nennenswerte Verletzungen überstanden. Eine Schramme am großen Zeh von Läufer Nr. 4 war alles, sonst kamen alle völlig unverletzt durch.
Und so wurde unsere Staffel an manchen VPs unerwartet als die Helden des Tages gefeiert – was ich persönlich etwas übertrieben finde. Die Leistung der Einzelläufer ist aus sportlicher Sicht definitiv höher zu bewerten. Aber wir konnten auf jeden Fall für Sichtbarkeit des Barfußlaufens sorgen und auch wieder einmal das ein oder andere Vorurteil ausräumen, was vermeintliche Gefahren und das Laufen auf harten Untergründen angeht.
Immerhin konnten wir so tun, als ob das Barfußlaufen Spaß macht! 🤣
Siegerehrung

Der Zieleinlauf um 1:46 Uhr morgens war spektakulär! Schade, dass ihn um die Uhrzeit nur wenige Leute überhaupt gesehen haben. Wir waren immerhin noch mit der halben Staffel vor Ort vertreten und konnten unseren Schlussläufer bejubeln.
Dass wir nicht mit der ganzen Staffel dort sein müssen, hatten wir im Laufe des Tages beschlossen, nachdem sich abzeichnete, dass es doch so spät wird. Einige hatten ihre Unterkünfte einfach zu weit weg oder waren mit Kindern angereist, für die es dann zu spät war.
Die Nacht war dann sehr kurz für mich. Ich war erst nach 3 Uhr im Bett und musste um halb 8 schon wieder aufstehen, um zur Siegerehrung ins Stadion zu fahren. Dort wurden wie immer erst die 2er und 4er Staffeln geehrt, so dass wir uns noch sammeln konnten. Leider wurde die Siegerehrung auf die andere Gebäudeseite des Stadions verlegt (vermutlich wegen des Regens), da war nicht viel Platz und man konnte gar nicht viel sehen.

Der Moderator wunderte sich über unseren Namen „Barfuß um Berlin“ und schlug vor, „beim nächsten Mal wirklich barfuß“ zu laufen. Nach lautem Protest konnten wir ihm dann erklären, dass wir tatsächlich die ganze Strecke auf freien Füßen absolviert hatten und nicht nur die letzten 400m im Stadion, wie er gemutmaßt hatte – Frechheit!

Mit dem bereits oben erwähnten Platz 37 können wir mehr als zufrieden sein, auch wenn wir etwas langsamer waren als geschätzt. Aber wir waren noch innerhalb des min/max-Bereiches, den wir im Vorfeld aus unseren voraussichtlichen Laufzeiten berechnet hatten.
Die Tagestemperaturen und einige Schotterstraßen haben uns vor allem nachmittags etwas ausgebremst, aber so ist das halt auf so einer langen Strecke. Von den 550 gestarteten Einzelläufern mussten fast die Hälfte unterwegs aufgeben.
Deshalb können wir insgesamt stolz darauf sein, als erste ganz barfuß laufende Staffel beim Mauerweglauf ins Ziel gekommen zu sein! Und alle waren wohlauf und glücklich!

Im Anschluss gingen wir noch gemeinsam in den Biergarten und tauschten die Lauferlebnisse aus, bevor die meisten sich dann wieder auf die Rückreise machten. Ob es eine Fortsetzung geben wird, steht in den Sternen… (Spoiler: vermutlich ja! 😜)



Moin Forbi!
Also für einen 162 km-Lauf ist das wirklich eine Kurzzusammenfassung. Dabei so lebendig geschrieben als wäre ich dabei gewesen 🙂
Danke an dieser Stelle nochmal für Deine Orgaleistung!
Die Nummer hat Riesenspaß gemacht und ich trage dieser Tage noch mit Stolz das T-Shirt, wenn auch mein Beitrag recht bescheiden war.
Liebe Grüße
Volker
Starke Leistung 😉💪🏼 und toller Bericht!
Ich war als 6. im Team dabei und konnte ohne meine anderen Teammitglieder persönlich zu kennen, auf ein Abenteuer einlassen.
Vielen Dank an unseren Teamkapitän für die anspruchsvolle Organisation.
Detlef
Es war ein tolles Erlebnis dabei gewesen zu sein. Super geschrieben der Bericht und unsere Leistung kann sich sehen lassen.
Danke Dir nochmals für die Organisation und Grüße an das ganze Team, ohne das diese Leistung nicht möglich gewesen wäre. Ein sympathischer Haufen begeisterter Barfußläufer, welches gut miteinander harmonierte.
Achim