Sieger der Herzen

Letzten Sonntag war ich beim 36. Frohnaulauf dabei. Das ist ein 10km Straßenlauf ganz im Norden von Berlin. Vor drei Jahren war ich da bereits mitgelaufen und jetzt hatte ich mich nach den ganzen warmen Tagen schon darauf eingestellt, kurzärmlig und -hosig laufen zu können. Aber Pustekuchen! In der Nacht waren -4°C und beim Abholen der Startnummer morgens habe ich mir ganz schön einen abgefroren. 🥶

Die Strecke ist auf 5km ausgelegt, so dass beim Hauptlauf zwei identische Runden gelaufen werden. Kurz vor dem Start um 10:45 Uhr waren immerhin schon +2°C und es schien die Sonne, was es schon fast angenehm machte. Eine Frau, schätzungsweise Mitte 60, pirschte sich von hinten an und erschreckte mich mit „hast Du keine kalten Füße?“ Kaum gesprochen bückte sie sich auch schon runter und grapschte meine Füße an, um sich selbst zu überzeugen. Hallo??? Es mag ja eine berechtigte Frage sein bei den Temperaturen, aber einfach so anfassen – das ist fast so wie ungefragt einen Babybauch zu streicheln. Geht gar nicht! Also bitte vorher fragen! 🙄

Frohnaulauf 1. Runde
Frohnaulauf – auf der ersten Runde

Der Lauf selbst ging ganz gut los und ich war nach den ersten paar Zwischenzeiten meiner GPS-Uhr erstaunt, dass ich doch recht schnell unterwegs war. Am Vortag hatte ich nämlich noch einen Orientierungslauf-Wettkampf im Kienbergpark gehabt und der war mit 180 Höhenmetern sehr kraftraubend. Deshalb hatte ich mir keine Rekordzeiten ausgemahlt. Ich wollte einfach nur schneller sein, als beim letzten Mal.

Frohnaulauf 2. Runde
Frohnaulauf – auf der zweiten Runde
Laufshirt: Wo sind meine Schuhe?
Mein bewährtes Laufshirt…

Das habe ich auch geschafft! Mit einer Zeit von 48:22 (4:46 pro Kilometer) bin ich mehr als zufrieden, das ist fast 7 Minuten schneller als 2019. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so ein Tempo über 10km durchhalte.

Leider gewinnt man aber mit einer persönlichen Bestzeit trotzdem keinen Blumentopf. Hätte es eine eigene Wertung für Barfußläufer gegeben, wäre ich Erster geworden (weil Einziger), aber so gehe ich im Feld der Läufer unter und beschränke mich darauf, mein eigener Sieger zu sein! 🙂

Siegerpodest
Inoffizieller Sieger
Frohnaulauf - Urkunde
Frohnaulauf – Urkunde

Auf leisen Sohlen

Barfuß hört man!

Gestern lief ich wieder eine längere Runde durch den Tegeler Forst und durch Heiligensee. Und an einer Straße, wo ich stehen blieb, sprach mich plötzlich ein älterer Mann von der Seite an:

„Bist Du barfuß?“

Ich war erstmal etwas erstaunt, wenn nicht sogar genervt über diese Frage und gab zurück:

„Ja, sieht so aus, oder?“

Daraufhin er wieder:

„Das finde ich ja ganz toll. Das hört man.“

Da sah ich erst das Blindenzeichen an seiner Mütze und es tat mir leid, dass ich erst so patzig war.

„Oh Sie sehen nichts, tschuldigung! Ja ich bin seit Jahren nur noch barfuß unterwegs und es geht mir besser damit, also gesundheitlich und auch sonst.
Konnten Sie das wirklich hören?“

Er:

„Ja! Das hört sich ganz anders an.“

Ist das nicht klasse?! Der Mann hat gehört, dass ich barfuß rumlaufe und war ganz begeistert. Das finde ich großartig!

Klar, barfuß kracht man nicht so in den Boden und deswegen ist man wohl leiser unterwegs. Wie oft haben sich schon Spaziergänger erschrocken, die ich beim Joggen überholt habe, weil sie mich nicht kommen hörten! Denen fehlte das typische „Chrrrppp, chrrrppp, chrrrppp, chrrrppp…“ (gekiester Fußweg), um mich akustisch als Jogger zu erkennen.

Wenig später begegnete ich dem Mann nochmal in der Gegenrichtung und bevor ich etwas sagen konnte, rief er mir aus 5 Meter Entfernung schon zu:

„Ja, das hört man ganz deutlich!“

Er hatte mich schon wieder von Weitem erkannt. Grandios!

Lauf am Tegeler Fließ
Lautlos unterwegs (Beispielbild)

Barfuß kann ich länger…

Laufen ist blöd

LaufspurenFrüher habe ich laufen gehasst! Als Schüler schon. Ich mochte es nie, wenn wir im Sportunterricht laufen mussten – womöglich auch noch zu Fuß… 😉 Ich konnte es einfach nicht. Später war ich im Schwimmverein und das schließt sich sowieso gegenseitig aus – dachte ich zumindest. Ich war der festen Überzeugung, wenn man schwimmt, dann läuft man nicht und umgekehrt. Diese Denkweise hat sich in meinen Zwanzigern fortgesetzt, als ich nach einer Klassenfahrt zur Seefahrt gekommen bin und ein paar Jahre lang Crewmitglied auf einem Großsegler war. Und wenn man Seemann ist, dann läuft man nicht. Und als Schwimmer UND Seemann schon gar nicht! Basta!

Das ist natürlich Blödsinn, war für mich aber eine super Ausrede, um meine Abneigung gegen das Laufen begründen zu können.

Die ersten Schritte (in Schuhen)

2004 ging ich zum ersten Mal in meinem Leben freiwillig laufen. Ich weiß nicht mehr genau, was mich getrieben hat, aber ich war damals arbeitslos und hatte vermutlich einfach Zeit… Ich erinnere mich noch genau, dass ich gerade mal 20 Minuten unterwegs war, aber fix und fertig mit der Welt. Trotzdem wiederholte ich es ein paar Mal.

Kurz drauf fing ich wieder an zu arbeiten und durch meinen Arbeitgeber kam noch mehr Motivation auf, regelmäßig laufen zu gehen, denn wir nahmen einmal im Jahr am Firmenlauf (B2RUN) teil – 15 Jahre lang. Das machte viel Spaß, aber wirklich trainieren mochte ich dafür nicht. Es war anstrengend und häufig taten mir hinterher die Knie weh. Nach einem Laufschuhwechsel wurde es ganz schlimm: die Achillessehne schmerzte und verhinderte weiteres Laufen sogar vollständig.

Richtig laufen lernen (ohne Schuhe)

Laufen Collage (1)

Das war der Auslöser, warum ich mit dem Barfußgehen und kurz drauf auch Barfußlaufen begann. Die Schmerzen gingen davon weg und es machte nach und nach immer mehr Spaß, die Welt unter den Füßen zu spüren. Plötzlich lief ich gerne und auch öfter. Weil es cool war und keine Quälerei mehr. Ich lief aus Freude am Barfußlaufen und achtete überhaupt nicht aufs Tempo, sondern lief bewusst langsam. Komischerweise machte mich genau das schneller, wie ich bei meinem ersten barfüßigen B2RUN feststellte.

Neben dem Spaß tat mir vor Allem nichts mehr weh nach dem Laufen! Das liegt sicher auch daran, dass ich erst ohne Schuhe gelernt habe, zu laufen wie ein Mensch, sprich: wie die Natur das vorgesehen hat. Immer wieder fügte sich ein Puzzleteil ins Gesamtbild des natürlichen Laufstils, der so mühelos und effizient sein kann, anstatt mit jedem Schritt unnötig viel Kraft zu vergeuden. Dabei habe ich im Laufe der Jahre zu unterscheiden gelernt, welche Anleitungen gut sind und was völliger Schrott ist (95% aller YouTube Videos zum Beispiel).

Als ich dann auch noch die bayerischen Schotterwege gegen Berliner bzw. Brandenburgische Sandwege tauschen durfte, wurde ich endgültig zum leidenschaftlichen Langstreckenläufer und steigerte mein Laufpensum aus purem Spaß daran.

„Lockerer“ wird automatisch „länger“


(Videos werden als externe Inhalte ohne Cookies vom YouTube-Server geladen)

Ich habe versucht, mich an anderen barfüßigen Langstreckenläufern zu orientieren und deren lockeren Laufstil „abzugucken“. Allen voran Anna McNuff, die fast 4000km barfuß durch ganz Großbritannien gelaufen ist. Aber auch der „Barfußdruide“ Achim Krüger, der fast jeden Tag 20km rennt oder Alex Kiesow, der quasi jede Woche einen Marathon oder Ultramarathon läuft, meistens barfuß oder in Sandalen. Zusätzlich bekräftigt hat mich natürlich auch das Buch „Born to Run“ von Christopher McDougall, vor allem das Kapitel 25 über den Werdegang der Laufschuhe, die der Grund allen Übels sind! 😉

Dadurch beeinflusst konnte ich meinen Laufstil optimieren, so dass ich lockerer und ruhiger laufen konnte, was auf Dauer weniger anstrengt und deutlich längere Strecken ermöglicht. So konnte ich meine Läufe bald auf über 10… 12… 15… 18… und schließlich über 20 Kilometer ausdehnen.

Mein Rekordjahr 2021

Laufen Collage (2)

Wie man an obigen drei Beispielen sieht, gibt es Leute, die um ein Vielfaches mehr laufen als ich. Aber für meine Verhältnisse war 2021 DAS Laufjahr für mich. Bereits 2020 hatte ich über Tausend Laufkilometer geschafft, aber 2021 gab es noch ein paar mehr Steigerungen. Ich hatte mir vorgenommen, jeden Monat mindestens 100km zu laufen – das bin ich früher im ganzen Jahr nicht gelaufen! Dieses Ziel habe ich leider knapp verfehlt. Mehrere kleine Verletzungen – Zeh angestoßen (mit Schuhen!) und danach Knie beim Radfahren geprellt – brachten für Oktober und November zusammen genommen gerade mal 50km auf die Uhr. Mit einer Gesamtstrecke von über 1350km habe ich dennoch im Durchschnitt über 100km pro Monat geschafft. Und ich bin insgesamt 12 Mal über 20km gelaufen, also auch im Schnitt jeden Monat einmal (echte Verteilung siehe Grafik). Den letzten Zwanziger habe ich noch an Silvester gemacht und mit über 26km meine längste bisher gelaufene Strecke geschafft. 😎

All das ist nur passiert, weil das Laufen ohne Schuhe leichter geht, weniger anstrengend ist, weniger wehtut und vor allem viel, viel mehr Spaß macht! Barfuß kann ich einfach länger… 😀

Laufstatistik 2021
Laufstatistik 2021

 

Die 10 Ge(h)bote

Oder: warum das Tragen von Schuhen Gotteslästerung ist?

Ich bin wahrlich kein religiöser Mensch. Im Gegenteil, ich für meinen Teil lehne jede Art von Religion grundsätzlich ab. Gibt doch immer nur Ärger…

Göttliches AugeEtwas anders sieht es mit „Gott“ aus. An einen alten Mann mit weißem Bart glaube ich natürlich nicht! Aber ich glaube an übergeordnete Kräfte, die alles Erklärbare und nicht Erklärbare bestimmen. Die Gesetze der Naturwissenschaften nämlich! Die sind so wunderbar und faszinierend und haben im Laufe der Evolution einzigartige Schöpfungen hervorgebracht.

Einfach ausgedrückt: die Natur ist Gott für mich.

Und diese göttliche Natur hat durch viele Millionen Jahre hindurch den Menschen und seinen Bewegungsapparat perfektioniert und zu einem genial ausgeklügelten System gemacht, das extrem anpassungsfähig und belastbar ist und sich zudem permanent selbst erneuern und heilen kann. Wow!

Nur das Gehirn kam offenbar mit der Evolution nicht ganz mit. Und so erfand der Mensch in seiner unendlichen Weisheit zahlreiche Dinge, um die Natur NOCH besser zu machen – zum Beispiel Schuhe. Eigentlich eine tolle Sache, diese Schuhe. Sie schützen vor Verletzungen und extremen Temperaturen. Das ist gut. Nur übertreibt es der Mensch leider und trägt immer und überall Schuhe, auch dann, wenn sie gar keinen Vorteil bringen. Und er gestaltet sie außerdem so, dass sie überhaupt nicht zur ursprünglichen Form des Fußes passen und diesen einengen und sogar verformen. Damit schädigt er nicht nur die Füße, sondern die ganze Körperstruktur!

So, wenn man nun also annimmt, dass „Gott“ gleichbedeutend mit „Natur“ ist und dass der Mensch sich erdreistet, in das evolutionär gereifte Bewegungssystem – also in die Natur – einzugreifen, indem er Schuhe trägt und damit das natürliche – also gottgegebene – Gangbild verändert… dann, ja dann muss man eigentlich zu dem Schluss kommen, dass das dauerhafte Tragen von Schuhen Gotteslästerung ist!

Puh! Harte Worte! Ist vielleicht etwas überspitzt, aber nicht ganz abwegig.

AHA - Erkenntnis

Die folgenden Zehn Gebote sollen aufzeigen, dass der Mensch im Gegensatz zur göttlichen Natur seine Sache eher schlampig gemacht hat – obwohl er glaubt, es besser zu wissen. Denn fast alles an modernen Schuhen widerspricht der natürlichen Form und Funktion menschlicher Füße. Hauptsache modisch… 🙄

Im Gegensatz zu den überwiegend negativ formulierten biblischen VERboten („Du sollst nicht…“) formuliere ich lieber echte GEbote in positiver Form (zum Aufklappen):

Könnte auch heißen: Du sollst dich nicht selbst erhöhen (aber das wäre ja wieder negativ formuliert). Der Fuß ist dazu da, flach auf dem Boden zu stehen. Nur mit der ganzen Fläche des Fußes steht dieser auch stabil und kann das Gewicht gleichmäßig verteilen. Darauf ist der ganze Bewegungsapparat ausgerichtet. Eigentlich!

Schiefstand auf Keil
Auf einem Keil kann man nicht gerade stehen

Wenn man sich aber auf einen Keil (Absatz) stellt, gerät man auf die schiefe Bahn. Die ganze Körperstatik kommt aus dem Gleichgewicht. Der Vorfuß wird übermäßig belastet, die Achillessehnen verkürzen sich und Gelenke werden anders beansprucht als natürlicherweise vorgesehen. Überlastungen sowie Knie-, Hüft-, Rücken-, Nackenschmerzen können die Folge sein. Ein gelenkschonender Vorfußgang ist in Schuhen mit Absatz kaum mehr möglich. Auch das Gleichgewicht wird gestört, wenn man nicht fest mit dem flachen Fuß auf dem Boden steht.

Die Zehen sind die Verlängerung der Mittelfußknochen und sollten mit diesen in einer Linie stehen. Der Fuß ist damit vorne deutlich breiter als hinten. Das ist wichtig, da Groß- und Kleinzehenballen mit der Ferse ein Dreieck bilden, was für einen stabilen Stand sorgt. Die Großzehe dient dabei als natürliche Pronationsstütze und unterstützt das Längsgewölbe.

Herkömmliche Schuhe berücksichtigen diese Fußform so gut wie nie. Selbst vermeintlich bequeme Sportschuhe laufen vorne spitz zu. Das soll elegant aussehen... naja, höchstens solange die Füße in Schuhen versteckt sind. Denn die Folge sind zusammengedrückte Zehen, die schon im Kindesalter deformieren und später zu Ballenzehen (Hallux valgus) und/oder Hammerzehen führen (sehr elegant...). Fehlt die Stütze der zur Mitte gedrückten Großzehe, knickt der Fuß nach innen ein (Knickfuß). Durch Einengung der Zehen wird außerdem auch der Vorfußgang verhindert, da ein Auffächern der Zehen unmöglich ist. Der Mensch verfällt selbst bei höherem Tempo in den Fersengang, was die Gelenke stark belastet.

Fußabdruck vs. Schuhform
Passform - wie soll das da reinpassen?

Barfuß auf Schotterweg
Jeder Untergrund verdient es, intensiv gespürt zu werden

Die Haut unter den Füßen ist dichter mit Nerven durchsetzt als die meisten anderen Körperstellen. Das hat einen Grund! Der unmittelbare Kontakt gibt Rückmeldungen über die Beschaffenheit und Temperatur des Untergrundes. Das unterstützt zum Beispiel die Sensomotorik, denn ein direktes Feedback erleichtert es, die Balance zu halten. Hautkontakt fördert aber auch die Synapsenbildung im Gehirn. Durch permanente Stimulation der Fußnerven wird die Hirntätigkeit angeregt. Man fühlt sich "geerdet" und es werden Endorphine (Glückshormone) ausgeschüttet. Außerdem wird die Sohlenhaut deutlich dicker und robuster, wenn sie mechanisch beansprucht wird. Alle Hautschichten verstärken sich und bilden so ein starkes Polster, das auch längeren starken Belastungen standhält, ohne Blasen zu bekommen.

Bei Isolation der Haut durch eine Schuhsohle entfällt das Training der Sensorik. Alles fühlt sich gleich an, die Reizarmut führt zur Abstumpfung, Veränderungen des Untergrundes werden langsamer oder gar nicht wahrgenommen. Durch diese "sensorische Blindheit" kann auch das Stolperrisiko zunehmen, gerade im Alter. Ohne Bodenkontakt wird die Haut nicht gefordert, sie bleibt dünn und empfindlich (auch in sog. „Barfußschuhen“).

Frische Luft tut den Füßen gut. Die Haut bleibt trocken und schwitzt nicht. Und wenn doch, dann trocknet der Schweiß schnell und stinkt nicht. Gut belüftete Haut ist auch weniger anfällig für Pilze und andere Keime. Sonnenstrahlung auf der Haut sorgt außerdem für die Ausschüttung von Endorphinen wie z.B. Serotonin. Das steigert das allgemeine Wohlbefinden und stärkt ebenfalls das Immunsystem.

In Schuhen hingegen bekommt man schnell Schweißfüße. Über einen längeren Zeitraum wird die Haut feucht und käsig. Erst recht, wenn Schuhe und Socken nicht auslüften können und mehrere Tage hintereinander zum Einsatz kommen, ohne gewechselt zu werden. Die Haut baut keinen guten Eigenschutz auf, wenn sie selten ans Tageslicht kommt. Das begünstigt einen Pilzbefall von Haut und Nägeln, denn Pilze mögen es feucht, warm und dunkel.

Fuß mit Pilzen
Vorsicht vor Pilzbefall

Wenn man barfuß geht, werden Muskeln, Bänder und Sehnen gestärkt, denn sie werden dabei stärker beansprucht als beim Gehen in Schuhen. Das betrifft nicht nur die Fußmuskulatur, sondern auch die Waden und Oberschenkel. Eine kräftige Wadenmuskulatur hält unter anderem die Fußgewölbe von oben in Form (weswegen auch eine Hebung platter Füße von unten mit Einlagen unsinnig ist). Ein kräftiger Abstoß mit den Zehen stärkt die Zehenmuskulatur, die u.a. beim federnden Vorfußgang eine wichtige Rolle spielt.

Schuhe nehmen den Füßen die Arbeit ab. Durch „ergonomische“ Formung und vor allem starke Polsterung von Außen- und Innensohlen muss der Fuß weniger arbeiten - die Muskulatur verkümmert. Als Folge fallen Quer- und Längsgewölbe ein, der Fuß knickt nach innen (Knick-/Senkfuß). Mit Pronationsstützen oder Einlagen wird der Muskulatur noch mehr Arbeit abgenommen und der Effekt verschlimmert sich. Auch dadurch, dass man in Schuhen weitgehend in den Fersengang verfällt, wird der Vorfuß bzw. die Zehen weniger belastet, wichtige Muskelgruppen bilden sich zurück.

Barfußgehen gibt Kraft
Starke Muskeln durch Barfußgehen

Dass man vom Barfußgehen auf kaltem Boden eine Erkältung oder Blasenentzündung bekommen kann, ist ein unsinniges Ammenmärchen. Im Gegenteil wird das Immunsystem durch den Kältereiz trainiert und gestärkt (das ist der Kernpunkt von Sebastian Kneipps Lehre). Die Temperatur des Untergrundes ist fast immer niedriger als die Körpertemperatur. Zum Ausgleich sorgt der Körper für Energienachschub in Form von besserer Durchblutung der Füße. Als Folge wird der Körper sogar weniger anfällig für Infektionen. Ein weiterer positiver Effekt: man bekommt seltener kalte Füße. Also kalt werden die Füße natürlich schon, aber man friert dabei nicht, das ist der Unterschied! Es ist nicht mehr unangenehm. Selbst im Winter können niedrige Temperaturen problemlos gemeistert werden, wenn die Durchblutung der Füße funktioniert.*

In Schuhen herrscht fast immer dieselbe Temperatur und die ist in der Regel gleich der Körpertemperatur oder sogar höher, auf jeden Fall immer wärmer als die Bodentemperatur. Die körpereigene Wärmeregulierung der Füße wird abgeschaltet, denn sie wird nicht mehr benötigt (Prinzip: „use it or lose it“). Sind aber die Schuhe erstmal kalt, schaffen es die Füße nicht, sich selbst und die Schuhe aufzuwärmen. Dann friert man, was zu Unwohlsein führen kann und im schlimmsten Fall tatsächlich das Immunsystem schwächt.

Barfuß Schneeschippen
Nie mehr kalte Füße - Kältereiz fördert die Durchblutung

*Anm.: bei Minusgraden sind Schuhe allerdings sinnvoll, denn dann ist die Gefahr von Erfrierung hoch, weil der Körper Schädigungen des Gewebes unter Umständen nicht mehr zuverlässig als Schmerz meldet (Wärmegefühl trotz Erfrierung).

Der menschliche Körper ist dem Schwerfeld der Erde ausgesetzt und muss diesem beim Stehen und Gehen entgegenwirken. Das funktioniert umso besser, je fester der Untergrund ist. Auf einem harten Boden erreicht man mehr Gegenkraft als auf einem weichen. Beispiel: Wasser, Schlamm, Sand, Beton – worauf steht man wohl am stabilsten, ohne zu wackeln oder gar einzusinken? Daher ist ein definierter, harter Abstoß notwendig, um einen Widerstand gegen die Schwerkraft zu richten. Das geht barfuß am besten!

Stehen auf festem und weichem Boden
Stabiler Stand auf hartem Boden / auf weichem Polster

Je dicker und weicher eine Sohle ist (z.B. Schaumstoff), desto instabiler wird der Stand und der Gang. Durch eine weiche Sohle wird mehr Energie absorbiert (=verschwendet) und steht beim Abstoß nicht mehr zur Verfügung. Überlastungen können die Folge sein. Tatsächlich werden die Gelenke und Sehnen umso mehr belastet, je weicher ein Schuh gepolstert ist. Das klingt paradox, wurde aber bereits in den 1980er Jahren in wissenschaftlichen Studien belegt. In stark gepolsterten Schuhen bekommt das Gehirn außerdem von den Füßen eine andere Rückmeldung über den Untergrund als das Auge es meldet. Das kann zu latentem Stress führen.

Die Natur sieht vor, dass Menschen locker in einer fließenden Bewegung gehen und nicht steif und unbeweglich. Dabei gelten drei einfache Regeln:

  1. Ein Gelenk bewegt sich nie alleine, sondern immer gemeinsam mit anderen Gelenken.
  2. Reihenfolge: erst große Gelenke, dann kleine, z.B. erst Hüfte, dann Oberschenkel, dann Unterschenkel, die Füße folgen dann fast von selbst (nur so kann Ballengang funktionieren!)
  3. Gelenke sind niemals ganz durchgestreckt, sondern haben immer etwas Vorspannung.

Wenn man das beachtet, läuft man mit dem Körper, statt gegen ihn, d.h. man nutzt Bewegungsenergie, statt Kraft zu vergeuden. Leicht angewinkelte Gelenke ebenso wie die Fußgewölbe speichern die Energie beim Aufprall. Diese Energie wird beim Abstoß wieder abgegeben und erleichtert den Bewegungsablauf, ohne dass jeder Schritt zum Kraftakt wird. Das funktioniert barfuß am besten.

Schuhe verändern die Gangart. Durch zusammengedrückte Zehen im Vorderbereich sowie die erhöhte Ferse am Absatz kann der Fuß nicht so aufsetzen wie es beim Barfußgehen der Fall ist. Das verminderte Empfinden für die Beschaffenheit des Untergrundes trägt zusätzlich zur Vernachlässigung des Ganges bei. Man latscht einfach nur so vor sich hin, womöglich mit durchgedrückten Knien. Die Bewegungsreihenfolge kommt durcheinander, Versteifungen im ganzen Körper verbrauchen unnötig Kraft und führen zu starker Belastung der Gelenke.

Silly Walk
Gehen wie ein Mensch - immer locker bleiben

Wer barfuß geht, achtet stärker auf den Weg. Zunächst sehr bewusst, später eher unbewusst. Scherben, Hundehaufen oder Stolperfallen werden intuitiv erkannt und umgangen. Zudem entschleunigt das Barfußgehen, da man bewusster und vielleicht auch etwas langsamer geht. Auch die Natur wird geschont, wenn man besser darauf achtet, wohin man tritt, z.B. kleine Pflanzen oder Tiere am Boden.

Mit Schuhen trampelt man gefühllos durch die Gegend und beachtet den Weg kaum. Das kann tatsächlich auch die Verletzungsgefahr erhöhen, z.B. durch Stolpern oder Anstoßen. Liegt der Fokus nicht auf dem Weg, wird mit groben Sohlen auf natürlichem Untergrund mehr zerstört als auf blanken Sohlen.

Blindschleiche und Schild
Achtsamkeit schont die Natur

Schuhe kosten Geld! Viele Schuhe kosten viel Geld, wenige Schuhe kosten wenig Geld, keine Schuhe kosten kein Geld. Außerdem spart man beim Barfußlaufen eventuell auch weitere Kosten ein. Zum Beispiel für die Behandlung von Langzeitfolgen wie Fußdeformationen, Knie-, Hüft-, Rückenprobleme, Haut- und Nagelpilze usw.

leeres Schuhregal
sparsames Schuhregal (Sommerversion)

Quellen (Auszug):

Bücher:

Blog-Artikel und Videos:

Sonstiges:

  • Noch viel, viel mehr Artikel, Blogs und Videos im Internet. Zu viele, um sie alle hier aufzulisten
  • Und zu guter Letzt: die eigene Erfahrung als langjähriger Barfußfreak 😉

Füße weg von Minusgraden!

Ein kluger Mensch hat mal gesagt „es gibt zwei Phasen im Leben eines Barfüßers: vor und nach der Erfrierung“. Ich habe das bisher für Unsinn gehalten, aber man lernt ja nie aus und nachdem ich in den letzten Jahren verschont geblieben war, habe ich es in meinem 5. Barfußwinter nun doch in den Klub der Phase-2-Barfüßer geschafft 😳

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich ja noch beschrieben, wie paradox warm sich die Füße auf Schnee anfühlen können. Ich glaube auch, dass es damals tatsächlich so war, aber dieses Gefühl kann leider sehr trügerisch sein. Bei Minusgraden ist es offenbar so, dass die Füße auch nach einiger Zeit nicht mehr kalt sind – aber nicht, weil sie warm werden, sondern weil die Kälte- bzw. Schmerzsensoren in der Haut keine Rückmeldung mehr geben. 🥶

Wer nicht hören will, muss (er)frieren

Warnzeichen: weiße Ränder an den Zehen
Warnzeichen: weiße Ränder an den Zehen

Das ist mir nämlich passiert, als ich im Februar bei -7°C eine kleine Laufrunde machte. Dass ich bei so niedrigen Temperaturen nicht mit nackter Sohle laufen wollte, war mir klar, also hatte ich die Wahl zwischen offenen und geschlossenen Minimalschuhen. Heldenhaft wie ich bin, entschloss ich mich für die Sandalen, nahm die Neopren Füßlinge aber in der Tasche mit – falls es doch zu kalt wird.

Erfrierungen 1. Grades
Erfrierungen 1. Grades

Nach knapp 2km Eiseskälte fühlte sich wieder alles wunderbar an und ich lief die Runde von ca. 6,5km in den offenen Schuhen zuende. Zum Glück war es nur so kurz (zu der Zeit lief ich meistens eher um die 15km), denn hinterher war die Haut an den Zehen deutlich weiß – ein Zeichen für Erfrierungen ersten Grades!

Ein Foto, dass ich auf halber Strecke aufgenommen hatte (oberes Bild), hätte mich schon warnen müssen, aber ohne Brille habe ich das nicht erkannt und wechselte deshalb nicht sofort auf die geschlossenen Schuhe.

Abends und am nächsten Tag brannten die Zehen etwas und ich ging wie auf rohen Eiern, aber danach war alles wieder gut… dachte ich.

Der Hornhaut auf die Pelle gerückt

Ablösung der erfrorenen Haut
Ablösung der erfrorenen Haut

Nach ca. 5 Wochen begann sich die Haut unter meinen Füßen zu pellen. Das hatte ich vorher noch nie und dachte erst, Schuld sei die Kombination aus der neuen Schrundensalbe (25% Urea) und zwei längeren Läufen über 20km, die der Haut zusetzten. Aber durch ähnliche Berichte aus dem Barfußforum weiß ich, dass das die Folge der Erfrierungen war. Die erfrorene Haut stirbt ab und wird irgendwann abgeworfen, sobald sich darunter eine neue gebildet hat. Meine Zehen haben sich komplett runderneuert (mehr als auf dem Bild zu sehen ist). Die neue Haut ist jetzt allerdings deutlich empfindlicher und muss erst wieder an die hohen Anforderungen gewöhnt werden…

Fazit

Was lernen wir daraus? Im Winter nie mehr ohne Brille laufen gehen! Sonst hätte ich die weißen Zehen früher erkannt 😂

Nein, im Ernst: ich habe daraus gelernt, das es sich nicht rentiert, den Helden zu spielen und dass es bei Minusgraden keine Kompromisse gibt. Wenn die Haut nicht mehr zuverlässig melden kann, dass sie geschädigt wird, sind geschlossene Schuhe unverzichtbar. Dafür sind sie da!

Ich werde unter Null Grad nicht mehr barfuß rausgehen, höchstens zum Schneeschippen vorm Haus. Mehr aber nicht!

Macht es besser als ich!!!

Das Barfuß-im-Schnee-Paradoxon

Fußspuren im SchneeSeltener Schnee

Vor ein paar Tagen hat es in Berlin geschneit. Nicht besonders viel, aber immerhin so, dass ein paar Zentimeter liegen geblieben sind, bevor alles bei leichten Plusgraden wieder weggetaut ist. Das wollte ich natürlich ausnutzen, gab es doch bisher keine Gelegenheit auf Schnee zu laufen, seit wir in Berlin wohnen.

In den letzten Wochen war die Außentemperatur meistens bei 3-6°C, was ich teilweise schon als unangenehm kalt unter den Füßen empfand. Jetzt, bei nur 2°C, leichtem Schneeregen und mittelstarkem Seitenwind waren die Bedingungen eigentlich alles andere als optimal. Aber ich wollte unbedingt auf Schnee laufen, bevor er wieder weg ist. Deswegen nahm ich mir nur eine kurze Runde von 3-4km vor, weil ich damit rechnete, dass mir auf dem nassen Schnee recht schnell die Füße einfrieren werden.

Unerwartetes Temperaturempfinden

Komischerweise war aber genau das Gegenteil der Fall! Die ersten 500m auf Straße und asphaltiertem Fuß-/Radweg (ohne Schnee) waren noch sehr frostig, aber sobald ich auf den Schnee kam, wurde es deutlich angenehmer. Nach einem weiteren knappen Kilometer entschloss ich mich deshalb, nicht die Abzweigung zur kurzen Runde zu nehmen, sondern meine Standardstrecke von rund 7km zu laufen. Und obwohl ich auf dem freien Feld direkt dem eisigen Wind ausgesetzt war, wurden die Füße plötzlich immer wärmer. Das ist mir im gesamten Dezember nicht passiert. Und jetzt sogar bei diesen schlechten Bedingungen… Auch bei den kurzen Pausen, bei denen ich meinen Lauf gefilmt hatte, kühlten die Füße kein bisschen aus. Auf dem Schnee hätte ich noch gerne 10km weiter laufen können.

Ist Schnee „wärmer“ als Asphalt?

Am Ende kam ich wieder auf der schneefreien, nassen Straße zu laufen und da wurden die Füße ganz schnell wieder eisig kalt.

Deshalb komme ich zu dem Schluss, dass es nicht an meiner allgemeinen körperlichen Verfassung lag, sondern dass es auf dem Schnee wirklich weniger kalt war als auf der Straße – zumindest gefühlt.

Wie kann das sein? Beides wird wohl objektiv ungefähr dieselbe Temperatur gehabt haben und nasser Schnee sollte sich zumindest theoretisch kälter anfühlen als der Asphalt. Dachte ich…?!

Ich kann mich erinnern, dass ich auch schon bei meinen Schneeläufen in Bayern den Eindruck hatte, dass es sich auf dem weichen Pulver angenehmer läuft als auf anderen Untergründen. Vor allem aber dass ich den Schnee als weniger kalt wahrnehme als die nassen Straßen.

Die einzige Erklärung, die ich dafür habe, ist die Beschaffenheit des Schnees. Schnee ist nicht so dicht wie Asphalt oder Betonplatten und hat viele Lufteinschlüsse. Er lässt sich also zusammendrücken. Vielleicht entsteht dann beim Laufen auf dem Schnee Wärme durch die Reibung beim Komprimieren der Schneeflocken? Vielleicht ist es aber auch einfach die eingeschlossene Luft selbst, die weniger kalt ist und beim Drauftreten entweicht? Ich empfinde die Lufttemperatur nämlich auch weniger kalt als die Bodentemperatur bei direkter Berührung. Ob sie es wirklich ist, weiß ich nicht. Aber gerade bei Wind hätte ich den gegenteiligen Effekt erwartet, Stichwort: Windchill. Wie paradox!

Was immer es ist, es scheint so, dass ich auf Schnee länger laufen kann, als auf nasskalter Straße. Und es macht wirklich Spaß! Schade nur, dass der Schnee hier nicht lange liegen bleibt. Jetzt ist er schon wieder weg…


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Nachtrag:

Es hat tatsächlich in den folgenden Wochen noch mehrfach geschneit in Berlin und ich konnte weitere Runden auf dem schönen Schnee laufen, hier z.B. eine etwas längere Runde von knapp 13km:


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Mit dem Deichläufer übers Rollfeld

Tempelhofer Abendhimmel

Vor ein paar Tagen schrieb ich Volker vom Laufblog deichlaeufer.de an, wann er das nächste Mal in Berlin ist, denn ich wusste, dass er ab und zu mal von Oldenburg nach Berlin kommt, um hier ein paar Tage zu verbringen.

Wir kannten uns bis dahin nur vom Schreiben und Kommentieren in unseren Blogs, aber nicht persönlich. Er schrieb dann auch gleich zurück, dass er grad da ist und auch Zeit hätte, mit mir Laufen zu gehen. Upps, doch so kurzfristig?!

Okay, zwei Tage später fuhr ich hin, zu seiner super gelegenen Wohnung direkt am Tempelhofer Feld. Und einen Parkplatz habe ich sogar auch gleich gefunden (das ist absolut erwähnenswert!).

Mit Volker unterwegs

Laufstrecke ums Tempelhofer FeldBei beginnender Dämmerung (siehe Bild oben) starteten wir eine gemütliche Laufrunde einmal außen rum um den ehemalilgen Innenstadt-Flughafen und zwischendurch weihte ich Volker noch in die Geheimnisse(?) des Geocachings ein. Unter anderem, dass man dabei auch gerne mal auf einen Baum klettern darf, wenn es sein muss. Während Volker unter dem Baum vor Höhenangst mit den Knien schlotterte, freute ich mich oben über einen Kletter-Cache, der gar nicht so hoch ist, wie es normalerweise bei der Wertung zu erwarten wäre. Wie unterschiedlich die Wahrnehmung doch sein kann 😉

Auf dem Baum (von unten)Auf dem Baum (von oben)

Durch die Zwischenstopps, bei denen es neben der Cachesuche auch noch zu einem längeren Gespräch mit einem Jogger kam, der am Barfußlaufen interessiert war, wurde es gegen Ende schon ziemlich dunkel und ich ärgere mich, dass ich vorher nicht  noch mehr Fotos von uns gemacht habe. Die hier sind schon zur Hälfte von Volker… Beim nächsten Mal mach ich mehr!

Mit protein- und kohlehydratreicher Sportlernahrung und isotonischen Powerdrinks (also Pizza und Bier) ließen wir den Abend dann gemütlich ausklingen. Das werden wir auf jeden Fall wiederholen!

Pizza und Prost

Hier noch die Links zu Volkers Blogs:

Barfuß im Radio

Hey, ich war im Radio! 🙂

Vor einiger Zeit schrieb mich eine Redakteurin des Radiosenders M94.5 an, ob ich für ein Interview bereit wäre, zum Thema „Barfuß-Lifestyle“. Klar war ich das!

„Lifestyle“ klingt zwar für mich etwas abgehoben und künstlich – ich geh einfach barfuß, nix Lifestyle – genauso wie ich auch kein „Natural Running“ praktiziere. Ich laufe einfach ohne Laufschuhe! Aber für ein junges Publikum muss man das wohl so bezeichnen, damit es spannend klingt. 😉

Egal, ich will keine Haarspalterei betreiben. Es war sehr interessant für mich. Außer mir wurde auch noch Vivian Gläsel aka „Vivi Barfuß“ interviewt. Damit ist in dem kurzen Beitrag eigentlich alles drin, was man wissen muss.

Ich darf den Mitschnitt mit freundlicher Erlaubnis hier veröffentlichen, hier ist das Endergebnis beider Gespräche:

 

Barfuß – geht das nicht ohne Schuhe?

„Barfuß“ – was heißt das eigentlich? Diese Frage kann normalerweise schnell beantwortet werden – sollte man denken!? Barfuß ist man genau dann, wenn die Füße nackt sind, also wenn man weder Schuhe noch Strümpfe anhat. Wer würde da widersprechen?

Umso mehr wundert es mich, dass ich seit Jahren immer wieder in Dialoge wie den folgenden gerate, vor allem, wenn es ums Laufen im Sinne von Rennen/Joggen geht:

– „Ich laufe barfuß“
– „Du meinst, mit Barfußschuhen?“

Äh was? Nein, ich meine barfuß! Hab ich das nicht grad gesagt? Warum fragen immer alle nach Schuhen, wenn ich barfuß sage? Es fragt doch auch niemand einen FKK-Anhänger nach seinem Nackt-Anzug!
Auch die folgende Variante habe ich schon häufig gehört:

– „Wieso läufst Du barfuß? Zieh doch Barfußschuhe an…“

Es kommt mir so vor, dass es in vielen Köpfen eine Sperre zu geben scheint. Irgendetwas, das kategorisch ausschließt, über die heimischen vier Wände hinaus barfuß sein zu können. So ganz normale Dinge wie Einkaufen, Joggen, Wandern, Autofahren… das alles kann man doch wohl nicht barfuß machen!? Also wird automatisch „barfuß“ in „Barfußschuhe“ übersetzt.

Woran kann das liegen?

Barfuß-Schuh-Lauf
Barfuß-Schuh-Lauf, so sieht das aus!

Barfuß-Darstellung in den Medien

Ich glaube, es hat hauptsächlich damit zu tun, in welcher Weise das Thema Barfuß in den uns täglich umgebenden Medien präsent ist. Egal ob auf Papier oder online, ob in der Werbung, in journalistischen Medien oder auch in sog. User-Generated-Content, also Blogs, Foren, Kommentare etc.:

Immer, wenn irgendwo etwas über das Barfußlaufen geschrieben wird, kommen automatisch auch Schuhe ins Spiel. (…sogar hier bei mir, oje!)

Barfuß ist ein immer öfter auftauchendes Trend-Thema, es ist ja sooo gesund! Aber Leute, die es tatsächlich im Alltag machen, werden als Freaks, Extremsportler oder Spinner dargestellt. Und fast immer werden im gleichen Atemzug (Barfuß-)Schuhe erwähnt. Kein Wunder also, dass es so viele Leute nicht getrennt bekommen im Gehirn! Wahrscheinlich ist es für die meisten so unvorstellbar, seinen kompletten Alltag barfuß zu bestreiten, dass es automatisch um etwas ergänzt werden muss, das dem unbekannten Barfußlaufen eine bekannte Sicherheit gibt: Schuhe!

...aber doch wohl nicht im Winter?!
…aber doch wohl nicht im Winter?!

Barfuß kann man nicht verkaufen – Schuhe schon!

Warum sollte man nur über das bloße Barfußlaufen schreiben, wenn man auch zusätzlich Schuhe verkaufen kann? Ich sehe zunehmend Werbung für die sogenannten Barfußschuhe, die fälschlicherweise die Illusion vermitteln sollen, dass sie das Barfußgehen imitieren könnten. Ich selbst besitze auch Barfußschuhe, aber ich bin mir voll bewusst, dass ich damit nicht barfuß bin – nicht mal ansatzweise sowas Ähnliches wie barfuß! Deswegen spreche ich eigentlich immer nur von „Schuhen“ , der Begriff „Barfußschuhe“ ist nur ein (zugegeben gut funktionierender) Marketing-Gag. Diese Schuhe sind ein guter Einstieg oder eine Ergänzung zum Barfußgehen, aber niemals ein Ersatz!

Sucht man im Netz nach „barfuß“ , findet man deutlich mehr Schuhe als blanke Füße. Kaum ein Bericht über die gesundheitlichen Vorteile des Barfußgehens, in dem nicht auch noch Barfußschuhe beworben werden. Selbst viele Barfußcoaches scheinen ein großes Interesse daran zu haben, neben ihren Kursen auch noch Schuhe zu verkaufen.

Dadurch wird der irrige Eindruck vermittelt, man könne nur im Zusammenhang mit solchen Schuhen barfuß sein. Wie paradox!

Barfuß wandern mit Schuhen

Barfuß wandern ohne Schuhe
Barfuß wandern ohne Schuhe

Aber nicht nur bei Leuten mit finanziellem Interesse scheint diese verdrehte Darstellung verbreitet zu sein. Gibt man beispielsweise bei YouTube den Suchbegriff „barfuß wandern“ ein, kommen jede Menge Videos, in denen Leute mit Schuhen in die Berge gehen. Warum schreiben die dann barfuß? Sie wandern doch mit Schuhen. Und wenn die Sohle noch so dünn ist – es ist nicht barfuß!

Auto und Füße

Eine ganz furchtbare Vermischung kenne ich aus vielen Artikeln über das Autofahren. Gerade zum Frühjahr wird dann gerne gefragt:
Ist Autofahren barfuß oder in Flip-Flops erlaubt?
Da möchte ich schreiend wegrennen, denn beides hat nicht das Geringste miteinander zu tun (außer vielleicht, dass man bei Flip-Flops auch die Füße sehen kann). Mit der eigenen Fußsohle hat man ein wunderbares und direktes Gespür für das Auto und kann die Pedale sehr präzise bedienen. Mit Latschen hat man das nicht und es besteht die Gefahr, dass die losen Dinger verrutschen oder sich sogar unter die Bremse klemmen. Das ist natürlich gefährlich!
Verboten ist beides nicht, trotzdem kann man Flip-Flops nicht mit barfuß vergleichen, weder im Auto noch sonst irgendwo! Dennoch wird es häufig gleichgesetzt: „…mit Flip-Flops oder sogar ganz barfuß“ – Aua!
Dabei sind das zwei völlig verschiedene Paar Schuhe 😀

mit FlipFlops oder sogar ganz barfuß...
…mit FlipFlops oder sogar ganz barfuß…

Erschwerend (im Sinne von anti-barfuß) kommt hinzu, dass in solchen Artikeln gerne mal geschrieben wird, dass der Versicherungsschutz erlischt, wenn im Falle eines Unfalls der Zusammenhang mit dem fehlenden Schuhwerk nachgewiesen wird.
Das ist erstens falsch, denn die Haftpflicht zahlt in jedem Fall, zweitens (wenn es um die Kaskoversicherung geht) gilt das nicht nur für nackte Füße, sondern auch für Schuhwerk jeglicher Art, und drittens finde ich keinerlei Hinweise darauf, dass so ein Fall jemals eingetreten ist, wo Barfüßigkeit als unmittelbare Unfallursache eingestuft wurde. Also warum wird das immer extra erwähnt?

Durch solche überflüssigen Hinweise entsteht dann der Eindruck, dass barfuß Auto fahren zwar erlaubt ist, aber irgendwie doch etwas Schlimmes und Gefährliches. Und wenn man schon barfuß fährt, sollte man dabei lieber Schuhe tragen… uff!
Offenbar ist die Berichterstattung zu diesem Thema allgemein sehr einseitig aufgestellt, dann es ist erkennbar, dass dieser Unsinn zigfach voneinander abgeschrieben wird. Übrigens nicht nur von Zeitungsredaktionen – selbst auf einer TÜV-Webseite habe ich das so gefunden! 🤦‍♂️

Experten empfehlen barfuß – und raten davon ab

Leider wird auch in vielen eigentlich wohlwollenden Berichten über die positiven gesundheitlichen Auswirkungen des Barfußlaufens eine unglückliche Wendung genommen – wenn nämlich in dem Artikel ein „Fußexperte“ (Arzt oder Orthopäde) zu Wort kommt. Dieser preist zunächst die gesunden Vorteile des Barfußgehens an, um sie dann sofort wieder einzuschränken:
…man sei es ja nicht gewohnt und solle deswegen lieber nicht so lange barfuß gehen. Und nur auf ungefährlichen Untergründen, wie Wiesen oder in Barfußparks. Und auf Asphalt zu laufen, ist eh ungesund und Diabetiker sollten das sowieso nicht und… und… und…
Alles Punkte, die ich nachvollziehen kann (bis auf den Asphalt), aber warum werden eine handvoll Vorteile immer gleich mit einem ganzen Arsenal an Warnhinweisen abgeschwächt, so dass auch hier wieder der Eindruck entsteht, man könne gar nicht dauerhaft barfuß sein?! Klar muss man sich langsam dran gewöhnen, aber es geht! Das Fazit in solchen Berichten lautet aber meistens: barfuß laufen ist gut, aber besser nur mit Schuhen!

Schöner weicher Asphalt - eine Wohltat für die Füße
Schöner weicher Asphalt – eine Wohltat für die Füße

Man muss es Medizinern wohl nachsehen, schließlich haben sie überwiegend mit kranken Füßen zu tun. Vom dauerhaften Barfußgehen haben die „Experten“ häufig gar keine Ahnung. Woher auch?

All das führt wohl dazu, dass es vielen Leuten so schwer fällt, sich wirklich bloße Füße vorzustellen, wenn man erzählt, dass man in der Stadt oder in den Bergen barfuß unterwegs ist.

– „Ach, Du meinst, mit Barfußsch…“
– „NEIN! Ohne! Denn nur barfuß ist barfuß!“

Der ultimative Test

Wie ist Deine Wahrnehmung? Kannst Du barfuß von nicht-barfuß unterscheiden?

Die folgende Collage zeigt 36 Barfußbilder. Aber es haben sich 10 Fehler eingeschlichen. Schau genau hin. Findest Du sie?

36x barfuß - finde 10 Fehler
36x barfuß – finde die 10 Fehler

Barfuß auf Schotter – nicht jugendfrei?

Gibt es einen Barfußfilter bei YouTube?Im Sommer dieses Jahres habe ich mich selbst beim Gehen über einen geschotterten Weg gefilmt. Einfach nur so, zur Selbstkontrolle, um zu sehen, wie ich mich eigentlich so bewege.

Vor einiger Zeit hatte ich das Filmchen nach etwas Bearbeitung in meinen YouTube-Kanal hochgeladen. Aber unmittelbar nach dem Upload war das Video schon mit dem Etikett „mit Altersbeschränkung“ versehen. Nanu!? Ich konnte das selbst nicht mehr ändern und habe mich sehr gewundert.

As you may know, our Community Guidelines describe which content we allow – and don’t allow – on YouTube. Your video Barfuß und locker über den Schotterweg was flagged to us for review. Upon review, we’ve determined that it may not be suitable for all viewers and it has been placed behind an age restriction. Ich bekam eine (automatische) E-Mail, in der stand, dass mein Video aufgrund von Richtlinien (Community Guidelines) eingeschränkt wurde und dass man Beschwerde dagegen einlegen könne. Also füllte ich das entsprechende Formular aus und erklärte, dass es wohl ein Irrtum sein müsse, denn in dem Video ist ja nichts Schlimmes zu sehen.

Thank you for submitting your video appeal to YouTube. After further review, we've determined that while your video does not violate our Community Guidelines, it may not be appropriate for a general audience. We have therefore age-restricted your video.Einen Tag später hatte ich bereits eine Antwort („Decision on your Video Appeal“) im virtuellen Postkasten, in der mir erklärt wurde, dass ich tatsächlich nicht gegen die Richtlinien verstoße. Aha, schon mal gut! Aber es sei „möglicherweise nicht für ein allgemeines Publikum geeignet“, deswegen bleibt die Altersbeschränkung bestehen…

Hä? Was ist mit denen  los? Seit wann sind nackte Füße nicht mehr jugendfrei? Oder liegt’s am Schotter???

Eine weitere Rückmeldung kann ich nicht abgeben, da man sich nur einmal pro Video beschweren kann! Und das noch nicht mal mit besonders ausführlichen Erklärungen – der Text in dem Beschwerdeformular darf nämlich nur 200 Zeichen lang sein!

Ich habe jetzt noch eine zweite Variante von dem Video erstellt, mit Vor- und Abspann und noch ein paar Sequenzen, die nicht in Zeitlupe sind – in der Hoffnung, dass das diesmal durchgeht. Aber auch dieser Film wurde sofort vom Uploadfilter mit der Altersbeschränkung versehen 🙁

Ich glaube ja noch nicht mal, dass da irgendein verklemmter Reviewer mit Podophobie dahinter steckt, sondern gehe fest davon aus, dass hier ein Upload-Filter-Algorithmus irgendwas in meinem Film erkannt haben will. Und auch die zweite Prüfung halte ich nur bedingt für echt. Ich gehe eher davon aus, dass auch dort eine Standardantwort mit Zeitverzögerung gesendet wurde, ohne dass jemals ein echter Mensch das Video geprüft hat. Anders kann ich mir das nicht erklären, zumal ich auf die Beschwerde für mein zweites Video eine „Decision“-Mail mit exakt demselben Wortlaut bekam wie beim ersten Mal.

Es ist unfassbar, welch hirnrissigen und teils wirklich jugendgefährdenden Unsinn man bei YouTube finden kann, der nicht blockiert wird. Aber nackte Füße sind ab 18… Arme Welt!

Ach ja, dies ist übrigens das Video, um das es geht (die zweite Version) – leider kann man es nur als eingeloggter, volljähriger YouTube Benutzer ansehen:


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