Barfuß – geht das nicht ohne Schuhe?

„Barfuß“ – was heißt das eigentlich? Diese Frage kann normalerweise schnell beantwortet werden – sollte man denken!? Barfuß ist man genau dann, wenn die Füße nackt sind, also wenn man weder Schuhe noch Strümpfe anhat. Wer würde da widersprechen?

Umso mehr wundert es mich, dass ich seit Jahren immer wieder in Dialoge wie den folgenden gerate, vor allem, wenn es ums Laufen im Sinne von Rennen/Joggen geht:

– „Ich laufe barfuß“
– „Du meinst, mit Barfußschuhen?“

Äh was? Nein, ich meine barfuß! Hab ich das nicht grad gesagt? Warum fragen immer alle nach Schuhen, wenn ich barfuß sage? Es fragt doch auch niemand einen FKK-Anhänger nach seinem Nackt-Anzug!
Auch die folgende Variante habe ich schon häufig gehört:

– „Wieso läufst Du barfuß? Zieh doch Barfußschuhe an…“

Es kommt mir so vor, dass es in vielen Köpfen eine Sperre zu geben scheint. Irgendetwas, das kategorisch ausschließt, über die heimischen vier Wände hinaus barfuß sein zu können. So ganz normale Dinge wie Einkaufen, Joggen, Wandern, Autofahren… das alles kann man doch wohl nicht barfuß machen!? Also wird automatisch „barfuß“ in „Barfußschuhe“ übersetzt.

Woran kann das liegen?

Barfuß-Schuh-Lauf
Barfuß-Schuh-Lauf, so sieht das aus!

Barfuß-Darstellung in den Medien

Ich glaube, es hat hauptsächlich damit zu tun, in welcher Weise das Thema Barfuß in den uns täglich umgebenden Medien präsent ist. Egal ob auf Papier oder online, ob in der Werbung, in journalistischen Medien oder auch in sog. User-Generated-Content, also Blogs, Foren, Kommentare etc.:

Immer, wenn irgendwo etwas über das Barfußlaufen geschrieben wird, kommen automatisch auch Schuhe ins Spiel. (…sogar hier bei mir, oje!)

Barfuß ist ein immer öfter auftauchendes Trend-Thema, es ist ja sooo gesund! Aber Leute, die es tatsächlich im Alltag machen, werden als Freaks, Extremsportler oder Spinner dargestellt. Und fast immer werden im gleichen Atemzug (Barfuß-)Schuhe erwähnt. Kein Wunder also, dass es so viele Leute nicht getrennt bekommen im Gehirn! Wahrscheinlich ist es für die meisten so unvorstellbar, seinen kompletten Alltag barfuß zu bestreiten, dass es automatisch um etwas ergänzt werden muss, das dem unbekannten Barfußlaufen eine bekannte Sicherheit gibt: Schuhe!

...aber doch wohl nicht im Winter?!
…aber doch wohl nicht im Winter?!

Barfuß kann man nicht verkaufen – Schuhe schon!

Warum sollte man nur über das bloße Barfußlaufen schreiben, wenn man auch zusätzlich Schuhe verkaufen kann? Ich sehe zunehmend Werbung für die sogenannten Barfußschuhe, die fälschlicherweise die Illusion vermitteln sollen, dass sie das Barfußgehen imitieren könnten. Ich selbst besitze auch Barfußschuhe, aber ich bin mir voll bewusst, dass ich damit nicht barfuß bin – nicht mal ansatzweise sowas Ähnliches wie barfuß! Deswegen spreche ich eigentlich immer nur von „Schuhen“ , der Begriff „Barfußschuhe“ ist nur ein (zugegeben gut funktionierender) Marketing-Gag. Diese Schuhe sind ein guter Einstieg oder eine Ergänzung zum Barfußgehen, aber niemals ein Ersatz!

Sucht man im Netz nach „barfuß“ , findet man deutlich mehr Schuhe als blanke Füße. Kaum ein Bericht über die gesundheitlichen Vorteile des Barfußgehens, in dem nicht auch noch Barfußschuhe beworben werden. Selbst viele Barfußcoaches scheinen ein großes Interesse daran zu haben, neben ihren Kursen auch noch Schuhe zu verkaufen.

Dadurch wird der irrige Eindruck vermittelt, man könne nur im Zusammenhang mit solchen Schuhen barfuß sein. Wie paradox!

Barfuß wandern mit Schuhen

Barfuß wandern ohne Schuhe
Barfuß wandern ohne Schuhe

Aber nicht nur bei Leuten mit finanziellem Interesse scheint diese verdrehte Darstellung verbreitet zu sein. Gibt man beispielsweise bei YouTube den Suchbegriff „barfuß wandern“ ein, kommen jede Menge Videos, in denen Leute mit Schuhen in die Berge gehen. Warum schreiben die dann barfuß? Sie wandern doch mit Schuhen. Und wenn die Sohle noch so dünn ist – es ist nicht barfuß!

Auto und Füße

Eine ganz furchtbare Vermischung kenne ich aus vielen Artikeln über das Autofahren. Gerade zum Frühjahr wird dann gerne gefragt:
Ist Autofahren barfuß oder in Flip-Flops erlaubt?
Da möchte ich schreiend wegrennen, denn beides hat nicht das Geringste miteinander zu tun (außer vielleicht, dass man bei Flip-Flops auch die Füße sehen kann). Mit der eigenen Fußsohle hat man ein wunderbares und direktes Gespür für das Auto und kann die Pedale sehr präzise bedienen. Mit Latschen hat man das nicht und es besteht die Gefahr, dass die losen Dinger verrutschen oder sich sogar unter die Bremse klemmen. Das ist natürlich gefährlich!
Verboten ist beides nicht, trotzdem kann man Flip-Flops nicht mit barfuß vergleichen, weder im Auto noch sonst irgendwo! Dennoch wird es häufig gleichgesetzt: „…mit Flip-Flops oder sogar ganz barfuß“ – Aua!
Dabei sind das zwei völlig verschiedene Paar Schuhe 😀

mit FlipFlops oder sogar ganz barfuß...
…mit FlipFlops oder sogar ganz barfuß…

Erschwerend (im Sinne von anti-barfuß) kommt hinzu, dass in solchen Artikeln gerne mal geschrieben wird, dass der Versicherungsschutz erlischt, wenn im Falle eines Unfalls der Zusammenhang mit dem fehlenden Schuhwerk nachgewiesen wird.
Das ist erstens falsch, denn die Haftpflicht zahlt in jedem Fall, zweitens (wenn es um die Kaskoversicherung geht) gilt das nicht nur für nackte Füße, sondern auch für Schuhwerk jeglicher Art, und drittens finde ich keinerlei Hinweise darauf, dass so ein Fall jemals eingetreten ist, wo Barfüßigkeit als unmittelbare Unfallursache eingestuft wurde. Also warum wird das immer extra erwähnt?

Durch solche überflüssigen Hinweise entsteht dann der Eindruck, dass barfuß Auto fahren zwar erlaubt ist, aber irgendwie doch etwas Schlimmes und Gefährliches. Und wenn man schon barfuß fährt, sollte man dabei lieber Schuhe tragen… uff!
Offenbar ist die Berichterstattung zu diesem Thema allgemein sehr einseitig aufgestellt, dann es ist erkennbar, dass dieser Unsinn zigfach voneinander abgeschrieben wird. Übrigens nicht nur von Zeitungsredaktionen – selbst auf einer TÜV-Webseite habe ich das so gefunden! 🤦‍♂️

Experten empfehlen barfuß – und raten davon ab

Leider wird auch in vielen eigentlich wohlwollenden Berichten über die positiven gesundheitlichen Auswirkungen des Barfußlaufens eine unglückliche Wendung genommen – wenn nämlich in dem Artikel ein „Fußexperte“ (Arzt oder Orthopäde) zu Wort kommt. Dieser preist zunächst die gesunden Vorteile des Barfußgehens an, um sie dann sofort wieder einzuschränken:
…man sei es ja nicht gewohnt und solle deswegen lieber nicht so lange barfuß gehen. Und nur auf ungefährlichen Untergründen, wie Wiesen oder in Barfußparks. Und auf Asphalt zu laufen, ist eh ungesund und Diabetiker sollten das sowieso nicht und… und… und…
Alles Punkte, die ich nachvollziehen kann (bis auf den Asphalt), aber warum werden eine handvoll Vorteile immer gleich mit einem ganzen Arsenal an Warnhinweisen abgeschwächt, so dass auch hier wieder der Eindruck entsteht, man könne gar nicht dauerhaft barfuß sein?! Klar muss man sich langsam dran gewöhnen, aber es geht! Das Fazit in solchen Berichten lautet aber meistens: barfuß laufen ist gut, aber besser nur mit Schuhen!

Schöner weicher Asphalt - eine Wohltat für die Füße
Schöner weicher Asphalt – eine Wohltat für die Füße

Man muss es Medizinern wohl nachsehen, schließlich haben sie überwiegend mit kranken Füßen zu tun. Vom dauerhaften Barfußgehen haben die „Experten“ häufig gar keine Ahnung. Woher auch?

All das führt wohl dazu, dass es vielen Leuten so schwer fällt, sich wirklich bloße Füße vorzustellen, wenn man erzählt, dass man in der Stadt oder in den Bergen barfuß unterwegs ist.

– „Ach, Du meinst, mit Barfußsch…“
– „NEIN! Ohne! Denn nur barfuß ist barfuß!“

Der ultimative Test

Wie ist Deine Wahrnehmung? Kannst Du barfuß von nicht-barfuß unterscheiden?

Die folgende Collage zeigt 36 Barfußbilder. Aber es haben sich 10 Fehler eingeschlichen. Schau genau hin. Findest Du sie?

36x barfuß - finde 10 Fehler
36x barfuß – finde die 10 Fehler

3 Antworten auf „Barfuß – geht das nicht ohne Schuhe?“

  1. Moin Forbi,

    Dir steht ja die schiere Verzweifelung zwischen den Zeilen geschrieben. Komisch, in meinen Barfußalltag kommt mir seltenst Verbindungen zwischen barfuß und Barfußschuhen unter. Vielleicht kommt den Nordlichtern weder das eine noch das andere zu oft in den Sinn 😉

    Was die „Experten“ angeht, da kannste nur die Krise kriegen und nun übertrage mal dieses „Expertentum“ auf das zur Zeit alles beherrschende Thema. Da kannste nur hier wie dort verzweifeln.

    Also k. k.: keep kool 😉

    LG Volker

  2. Du hast hier schön die Fakten einmal dargestellt.
    Bei mir heißt barfuß auch wirklich barfuß. Wenn ich der aktuellen Definition folge, wäre ich sogar zu 100% barfuß unterwegs. Aber das würde ich nie behaupten. Ich bin entweder barfuß oder trage Minimal-/Barfußschuhe (z. B. im Büro).
    Es ist wirklich erstaunlich, dass manche Leute sich das pure Vergnügen nicht vorstellen können. Mich hat mal ein Kollege gefragt: „… aber nicht in der Stadt, oder?“ Doch!
    Die Bilder im Artikel sind übrigens super (mit / ohne Schuhe).

  3. Hallo Forbi,
    bei mir kamen die Leute bisher gar nicht erst auf die Idee, direkt die „Barfußschuhe“ anzusprechen, denn ich bin ja fast durchgehend barfuß. Die kommen hier im Allgäu erst mit der Frage: „Und im Winter?“ ins Spiel. Dass aber Leute zum übergroßen Teil ein Problem damit haben, es in der Öffentlichkeit selbst zu versuchen, liegt doch ganz offensichtlich an unserer kulturellen Prägung. Das „gehört sich nun mal nicht“. Ich habe das bei meinem Barfußeinstieg selbst so empfunden. Hat sich zwar schnell geändert, aber ich habe nicht das geringste Problem mit Menschen, die das anders sehen. Die gibt es selbst bei Barfußfreunden.
    Also lieber nicht darüber aufregen und die „Barfußschuhe“ als Chance, als Brücke zum Barfußlaufen sehen. Ich finde es jedenfalls bemerkenswert, dass das Thema „barfuß“ inzwischen so einen Raum einnimmt.
    Liebe Grüße,
    Wolfgang

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